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Bild-Mann beweist mit Solarstrom-Fake aus Versehen, dass Energiewende funktioniert

BILD-Wirtschaft-Ressortleiter hat keine Ahnung von Strommix oder lügt absichtlich

Am vergangenen Samstag war es so sonnig, dass man auch ohne Einsicht in entsprechende Statistiken von einer ordentlichen Solarstrom-Ernte ausgehen konnte. Nun ist ein Blick in die Statistik an solchen Tagen aber ungemein spannend, also los geht’s, fun with graphs! Das war die Nettostromerzeugung am 18.06.2022 (Quelle: Fraunhofer ISE Energy Charts):

Um die Mittagszeit speisten alle Fotovoltaikflächen Deutschlands satte 37 Gigawatt ein, während Deutschland 55 Gigawatt Strom verbrauchte (schwarze Linie). Zu dem Zeitpunkt deckten wir also 67 Prozent des gesamten Bedarfs allein mit Solarstrom. Um 12:30 Uhr erzeugten alle erneuerbaren Kraftwerke zusammen 52,5 Gigawatt Strom, was knapp 80 Prozent der Stromerzeugung entsprach (blaue Linie). Das reichte zu dieser Uhrzeit wiederum aus, um 96 Prozent des Bedarfs zu decken (orangefarbene Linie). Die Solarstrom-Produktion war zur Mittagszeit sogar so stark, dass die Braunkohleverstromung (hellbrauner Bereich) einen sichtbaren Knick bekam.

Irreführende Momentaufnahme

So schön das nun für die Mittagszeit gewesen ist, so deutlich wird leider auch, dass der EE-Anteil an Last und Erzeugung zu anderen Tageszeiten niedriger liegt und wir um einen weiteren Ausbau klimaneutraler Kraftwerke nicht herumkommen werden. Einzelne Uhrzeiten einzelner Tage sind daher keine gute Grundlage, um den Stand der Energiewende zu beurteilen. Würde ich diese Grafik mit den Worten „96 % Erneuerbare, Yeah! Lasst uns jetzt die Kohle abschalten“ tweeten, würde ich dafür zurecht kritisiert, denn trotz der vielen Sonne bestand unser Strommix am gesamten Samstag zu 27 Prozent aus Kohlestrom.

Für eine sinnvolle Bewertung sollten wir uns daher immer auch den Rest des Tages bzw. des Jahres ansehen. Das war Jan Schäfer, Mitglied der Chefredaktion der BILD und Ressortleiter für den Bereich Politik und Wirtschaft, dann doch zu sachlich. Er verbiss sich noch am Abend desselben Tages in den Strommix von 20 Uhr („18 Uhr“ im Tweet stimmt nicht) und argumentierte damit, dass der Solarstrom ja nicht mal am heißesten und sonnigsten Tag des Jahres an die Kernkraft heranreiche:

Chef des Wirtschaftsressorts von „BILD“ hat offenbar keine Ahnung, wovon er redet und kann nicht recherchieren

Selbst gemessen an den niedrigen Ansprüchen, die ich an das Boulevardblatt BILD ansetze, ist das ein schockierend niedriges Niveau. Sollte der Chef des Wirtschaftsressorts nicht wenigstens die Grundlagen von Recherche und Stromerzeugung verstehen?

  1. Ja, um 20 Uhr ist die PV-Ausbeute nicht mehr die tollste. Das liegt aber nicht an den Solarzellen, sondern daran, dass unsere Breiten sich zu dieser Uhrzeit im Juni einem Zustand nähern, der auch unter dem Begriff „Sonnenuntergang“ bekannt ist.

Wieso überhaupt 20 Uhr? Selbst im Screenshot des RWE en:former steht doch „18:00 Uhr“. Ja, das steht da, aber die Seite von RWE berücksichtigt selbst nicht, dass ihre Quelle entsoe die Daten auf Basis der koordinierten Weltzeit (UTC) ausgibt, die aktuell (Sommerzeit) 2 Stunden vor der deutschen Zeit liegt. So gibt die En:former-Startseite auch für Montagmorgen (20.06.2022) um 7 Uhr früh bereits 17 Prozent Solarstrom im Strommix an. Er lag aber tatsächlich eher bei 7 Prozent.

RWE hat fehlerhafte Uhrzeit angezeigt, aber Schäfer begreift es nicht oder es ist ihm egal

Das ist zugegeben eher ein Fehler von RWE als von Schäfer, aber wer sich mit dem deutschen Strommix nur mal etwas beschäftigt, dem fällt schnell auf, wie unplausibel die Daten für 18 Uhr abends sind. So kurz vor der Sommersonnenwende steht die Sonne auch um 18 Uhr abends so hoch, dass die deutsche Fotovoltaik locker 5-mal so viel Strom ins Netz speiste wie die zwei an diesem Tag laufenden Kernkraftwerke (das dritte, Neckarwestheim, befindet sich seit dem 05.06.2022 in der planmäßigen Revision). Es wirkt so, als hätte sich der Ressortleiter Wirtschaft noch nie näher mit der deutschen Stromerzeugung beschäftigt.

Die Argumentation, dass Solarstrom an einem willkürlich gewählten Zeitpunkt des Tages weniger zum Strommix beitrug als die Kernenergie, ist ja ohnehin schon sehr schwach. Für den Take hätte er auch direkt die Daten um Mitternacht vergleichen können und dann überrascht feststellen können, dass es nachts dunkel ist. Aber aufgrund der Fehlinterpretation der Daten funktioniert nicht mal das, sodass die Solarkraft zum gewählten Zeitpunkt einfach mal die fünffache Leistung erbringt. Ggf. ist es sogar noch mehr, weil in der Statistik all die Geräte fehlen, die direkt mit Strom vom eigenen Dach versorgt werden, anstatt ihn ins Netz zu speisen.

Angegebene Wasserkraft ist auch falsch

Und auch 21 Prozent Wasserkraft kommen allen auch nur ansatzweise mit der Materie vertrauten Menschen seltsam vor, denn geeignete Fließgewässer für so viele Staudämme gibt es in Deutschland leider nicht (der tatsächliche Wert liegt im Juni bei etwa 4 Prozent). Woher also diese große Differenz? Viele Twitter-Kommentare vermuteten schon, dass hier gar nicht der deutsche Strommix zu sehen sei. Tatsächlich summiert RWE hier aber (relativ unüblich) die Pumpspeicherkraftwerke mit zur Wasserkraft, die am Samstag um 20 Uhr abends tatsächlich nahe an ihrer Tageshöchstleistung lagen.

Das Witzige daran: Gerade die Pumpspeicherkraftwerke machen den Tweet absurd, denn sie sind so was wie die Vorboten unserer Energiewende: Sie fungieren als Stromspeicher. Haben wir billigen Strom im Netz, z. B. zur Mittagszeit eines sehr langen, wolkenfreien Sommertags, so pumpen die Betreiber der Anlagen Wasser in höher gelegene Becken. Wird der Strom wieder teurer, so fließt das Wasser ins Tal zurück und erzeugt dabei nach demselben Prinzip Strom wie die klassischen Wasserkraftwerke auch.

Ein großer Teil der dortigen „Wasserkraft“ ist in Wahrheit… Solarstrom

Das Prinzip ist so naheliegend, dass die ersten Anlagen aus dem 19. Jahrhundert stammen und gerade in Zeiten hoher Stromerträge aus Solarkraft können wir heute schon sehen, welche Synergieeffekte Speicher bedeuten: An besagtem 18.06.2022 zogen die Pumpspeicher gegen Mittag bis zu knackige 6 Gigawatt aus dem Netz (knapp 10 Prozent des gesamten Stroms), um Wasser in höhere Lagen zu pumpen. Also genau zu der Zeit, als wir mehr Solarstrom im Netz hatten, als wir direkt verbrauchen konnten. Gleichzeitig exportierte Deutschland 10 Gigawatt ans europäische Ausland, wir hatten also wirklich massig Strom zur Verfügung.

In der Bilanz von 20 Uhr, die Jan Schäfer dann teilte, ist also ein großer Teil des als „Wasserkraft“ gelabelten Stroms schlicht gespeicherter Strom, laut dieser Darstellung knapp 80 Prozent. Und davon war wiederum ein großer Teil Solarstrom, sodass selbst der mit 20 Pfund Cherrypicking von Schäfer selbst gewählte Zeitpunkt gar keine Überlegenheit der Kernkraft zeigen kann: Selbst kurz vor Sonnenuntergang hatten wir noch mehr ursprünglich mit Fotovoltaik erzeugten Strom im Netz als Atomstrom.

Nun ist die Kapazität unsere Pumpspeicher recht begrenzt, sodass dieser Effekt nur etwa zweieinhalb Stunden anhielt, bevor auch die Pumpspeicherbecken leergelaufen waren: Ab etwa 23 Uhr lieferten die Kernkraftwerke wieder mehr Strom als die Pumpspeicher. Nun ist die Idee aber eben, die Speicher in Zukunft deutlich auszubauen. Ungenutzte Standorte für zusätzliche Pumpspeicher gibt es kaum noch, aber für die Überbrückung von Nächten im Sommer können wir auch andere Speicher nutzen, z. B. Wärmespeicher, Batterien oder andere Lagespeicher.

BILD-Mann kritisiert, dass abends die Sonne nicht so viel scheint… mit einer Grafik, in der Atomstrom auch abends wenig liefert

So errichtet die Firma Energy Vault einen Energiespeicher in unmittelbarer Nähe zu einer chinesischen Windfarm, in dem Hunderte Aufzüge Gewichte raufziehen und wieder runterlassen können. Das deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt testet seit 2017, wie mit Solar- und Windstrom Wärme erzeugt und in Salz gespeichert werden kann und durch die Durchbrüche in der Batterietechnik kennen die Preise pro Kilowattstunde Batteriekapazität seit Jahren nur eine Richtung – nach unten.

Jan Schäfer wiederum kritisiert am Strommix vom 18.06.2022, dass um 20 Uhr nicht mehr ausreichend Sonne scheint und dass deswegen Kernkraft wichtig sei. Das begründet er jedoch mit einer Grafik, in der gespeicherter Solarstrom einen größeren Anteil am Strommix ausmacht als Kernkraft. Ist der Tweet nicht also viel eher eine implizite, wenn auch unfreiwillige Forderung nach mehr Fotovoltaik und mehr Speicherkapazität? Wird die BILD jetzt Energie-woke?

Schäfers Tweet polarisiert entsprechend: Die Retweets mit Zitat verweisen fast ausschließlich auf die mangelhafte Recherche und das fehlende Verständnis der deutschen Stromerzeugung. Dort wird spekuliert, ob Schäfer wirklich so wenig Ahnung von einem der wichtigsten Wirtschaftsthemen der kommenden Jahrzehnte hat oder ob er das ganze bewusst irreführend inszeniert hat – Zweiteres wäre für sein Verlagshaus, dem gerade die Wissenschafts-Redaktionen davonlaufen, keine allzu große Überraschung.

Schäfer ignoriert alle Hinweise auf seinen Fake und lässt den Tweet mit Fake News stehen – typisch BILD!

Sein Tweet hat aber auch knapp 2.000 Likes (Stand 20.06.2022 15:00 Uhr) und über 500 Retweets, darunter der Fraktionsvorsitzende der CDU Thüringen, eine AfD-Stadträtin und eine Menge anderer Leute, die offensichtlich nicht verstanden haben, was Jan Schäfers Grafik wirklich zeigt.

Auf die Kritik reagierte er am Morgen des darauffolgenden Sonntags mit diesem Tweet:

Lustig, denn das einzige Missverständnis liegt hier bei Jan Schäfer, der entweder nicht verstanden hat, was er da gepostet hat oder bewusst lügt. Die Grafik zeige eindrucksvoll, dass es ohne Kernkraft selbst im Sommer nicht ginge. Das ist nun wirklich völliger Mumpitz. Er kann gerne kritisieren, dass Deutschland erst aus der Kernkraft und dann aus der Kohlekraft aussteigt. Haben wir auch schon gemacht, denn dieser Schritt, damals final beschlossen von Frau Merkel und Herrn Westerwelle, ist in unseren Augen nicht gut gealtert.

Schäfer hat entweder absolut keine Ahnung oder er lügt

Das hat aber mit der Grafik nichts zu tun. Kernenergie macht dort 6,2 Prozent aus, die wir, wenn wir wollten, mit anderen fossilen Kraftwerken locker kompensieren könnten. Aus Klima- und Sicherheitsperspektive ist das nicht sonderlich wünschenswert, aber die Behauptung, das ginge nicht, wirkt wie New Age Strom-Esoterik. So sah der Strommix des gesamten Tages aus:

(Quelle)

Seine Grafik zeigt in Wahrheit: Erneuerbare prägen jetzt schon Strommix massiv – und Atomkraft ist keine Lösung

Wenn seine Grafik irgendetwas zeigt, dann wie stark die Erneuerbaren mittlerweile selbst an einem nicht sonderlich windigen Sommerabend unseren Strommix prägen. Die Fotovoltaik war am 18.06.2022 mit 322 Gigawattstunden der Kraftwerkstyp mit der höchsten Einspeisung, dann folgte Braunkohle mit 252 Gigawattstunden und dann Onshore-Wind mit knapp 200 Gigawattstunden. Es folgen Biomasse, Steinkohle, Erdgas und dann folgt auf Platz 7 die Kernkraft mit 61 Gigawattstunden. Insgesamt stammten an diesem Tag 61 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen, überdurchschnittlich viel.

Jan Schäfer verbreitet hier also Fake News, entweder aus Unvermögen oder mit dem Vorsatz, seine Followerschaft zu manipulieren. Auch auf Hunderte kluge Kommentare hin, warum seine eigene Quelle dem widerspricht, was er behauptet, lässt er das Ganze so stehen und legt mit einem mindestens genauso falschen Tweet nach. Die Anti-Solar-Ideologie ist bei ihm offenbar so stark, dass er sie selbst angesichts der klaren Datenlage eines langen Sommertags nicht durchbrechen kann.

Kernkraft hat in Deutschland rein wirtschaftlich betrachtet nämlich keine Zukunft mehr:

Die Fakten zur Atomkraft, die weder Gegner noch Befürworter wahr haben wollen

Artikelbild: shutterstock.com / Screenshots

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