/Corona-News: Deichmann-Chef fordert Ladenöffnungen am 8. März

Corona-News: Deichmann-Chef fordert Ladenöffnungen am 8. März

Den Regierungskurs kritisiert er: „Die Politik ist bislang leider sehr einfallslos. Es ist schon ein Armutszeugnis, dass die einzige große Antwort auf die Pandemie bisher der Lockdown ist – das wird Deutschland nicht gerecht.“ Er sei fast täglich im Gespräch mit Politikern und hoffe auf Einsicht. Andernfalls könnte auch der Deichmann-Chef in die Konfrontation gehen – und schließt Klagen als „letztes Mittel“ nicht aus.

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Herr Deichmann, der Handel wehrt sich immer lauter gegen den Lockdown. Wie groß ist die Not?
Dem Handel geht es, abgesehen vom Lebensmittel- und Onlinehandel, dramatisch schlecht – vor allem für die Modehändler wird die Situation immer bedrohlicher. Der HDE sieht 50.000 Händler und damit 250.000 Arbeitsplätze in Gefahr. Das ist die Realität. Das kann keinen Politiker kaltlassen. Jeder Tag, den die Geschäfte länger geschlossen bleiben, wird die Zahl der Insolvenzen und der Arbeitslosen erhöhen. Es ist nicht mehr erträglich. Dazu kommt: Wir haben als Handel zusammen mit Gastronomie und Hotellerie im vergangenen Jahr besonders gelitten.

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Anders als die Gastronomen haben die Händler nicht so großzügige staatliche Hilfen bekommen.
Die Entschädigung war völlig unzureichend. Der Nonfood-Einzelhandel hat im letzten Jahr 36 Milliarden Euro Umsatz und im Januar weitere 16 Milliarden Euro Umsatz verloren, dem gegenüber stehen gerade einmal Hilfszahlungen von 90 Millionen Euro. Das reicht für viele mittelständische Händler nicht annähernd aus, um ihre Existenz zu sichern. Bis vor Kurzem haben wir bei Deichmann überhaupt keine Hilfen bekommen. Nachdem jetzt die Schwelle für Unternehmen mit mehr als 750 Millionen Euro gefallen ist, darf ich Ihnen verraten, dass wir nun wahrscheinlich anspruchsberechtigt sind. Die möglichen Zahlen entsprächen bei uns allerdings gerade einmal 0,5 Prozent des verlorenen Umsatzes.

Was fordern Sie von der Politik?
Der Handel muss am 8. März wieder öffnen. Wir können beweisen, dass die Läden sichere Orte sind – für Mitarbeiter und Kunden. Die Ansteckung ist unter den Beschäftigten des Einzelhandels sogar mit 0,6 geringer als im Bevölkerungsdurchschnitt mit 0,8. Im Stufenplan des Robert Koch-Instituts steht klar drin, dass das Ansteckungsrisiko niedrig ist im Einzelhandel, selbst wenn der Inzidenzwert über 50 ist. Das RKI empfiehlt keine Schließung, selbst bei einem Wert über 50 nicht. Wir haben 1400 Filialen in Deutschland, und ich kann Ihnen aus Erfahrung sagen: Wenn ein Mitarbeiter in einer Verkaufsstelle infiziert war, ist es nie zur Ansteckung von weiteren Mitarbeitern gekommen. Die Hygienekonzepte funktionieren.

Schuhverkauf beim Discounter: „Völlig willkürliche und unzumutbare Regelung der Politik“

Finden Sie es unfair, dass die Supermärkte und Discounter geöffnet haben dürfen?
In gewisser Hinsicht schon, denn der Lebensmittelhandel steht für 80 Prozent der Kundenkontakte. Und dass Schuhe und Textilien im Lebensmittelhandel verkauft werden dürfen, aber nicht bei uns, halte ich für eine völlig willkürliche und unzumutbare Regelung der Politik. Das ist einfach nicht nachvollziehbar.

Geschlossene Deichmann-Filiale

„Wir können beweisen, dass die Läden sichere Orte sind – für Mitarbeiter und Kunden“, sagt Heinrich Deichmann, Verwaltungsratschef von Europas größtem Schuhhändler.


(Foto: imago images/SKATA)

„Wir können beweisen, dass die Läden sichere Orte sind – für Mitarbeiter und Kunden“, sagt Heinrich Deichmann, Verwaltungsratschef von Europas größtem Schuhhändler.

Welche Rolle spielen Tests bei Ihrer Forderung nach Öffnung?
Die Universitäten in Wuppertal und Paderborn haben herausgefunden, dass man mit einer flächendeckenden Teststrategie die Pandemie viel effektiver eindämmen kann. Und die Selbsttests, von denen nun drei die Sonderzulassung erhalten haben, können ein echter Gamechanger werden.

Vorausgesetzt, die Tests sind wie geplant verfügbar…
Ich bin zuversichtlich, dass alle, die Selbsttests haben wollen, sie auch in der ausreichenden Menge bekommen werden. Mehrere Discounter werden bald mit dem Verkauf beginnen.

Dennoch gibt es bei den Selbsttests Zweifel, ob sie die nötige Sicherheit geben.
Die Charité hat herausgefunden, dass die Ergebnisse vergleichbar sind mit dem tiefen Rachenabstrich.

Sie sind ja zum Wissenschaftler geworden!
Ja, das muss man in diesen Tagen auch. Ich befasse mich intensiv mit dem Thema. Ich will nicht aus dem Bauch heraus argumentieren.

Öffnungsstrategie: „Man darf nicht nur auf die Inzidenzwerte schauen“

Wie sollte aus Ihrer Sicht eine kluge Öffnungspolitik für den Handel aussehen?
Man darf nicht nur auf die Inzidenzwerte schauen, sondern muss auch andere Kennziffern wie die Belegung der Intensivbetten und die Todeszahlen mit betrachten – und beides geht eindeutig nach unten. Auch werden immer mehr Menschen, vor allem ältere geimpft. Und wenn die Politik dafür sorgt, dass man sich überall testen lassen kann – in Schulen, Bahnhöfen, Flughäfen, Innenstädten, wie zum Beispiel in Tübingen – und über Kampagnen dafür wirbt, dann können wir diesen Lockdown am 8. März beenden.

Wie sehen Sie das Krisenmanagement der Politik?
Die Politik ist bislang leider sehr einfallslos. Es ist schon ein Armutszeugnis, dass die einzige große Antwort auf die Pandemie bisher der Lockdown ist – das wird Deutschland nicht gerecht, auch technologisch nicht. Unsere Corona-App leistet ja nicht annähernd das, was möglich wäre. Ich bin auch für Datenschutz, aber die europäische Datenschutzverordnung stellt den Schutz des Lebens über den Datenschutz. Es ist also mehr möglich.

Viele Gastronomen haben nach dem ersten Lockdown ihre Restaurants bewusst geschlossen gelassen, weil sie mit einem Bruchteil der Gäste nicht wirtschaftlich zu betreiben sind. Wenn Sie jetzt Ihre Läden öffnen und es kommen nur 30 Prozent Ihrer Kunden, lohnt sich das überhaupt?
Zunächst gehe ich nicht davon aus, dass nur 30 Prozent der Kunden kommen. Aber selbst wenn, würden wir öffnen, weil wir dann unsere Lagerbestände reduzieren könnten. Wir haben jetzt die größten Wareneingänge, weil wir die Frühjahrs- und Sommerkollektion bekommen. Unsere Lieferanten müssen die Waren früh verschiffen, ein gehöriger Teil war schon unterwegs, deswegen müssen wir in riesigem Umfang zusätzliche Lagerflächen anmieten, um die Bestände unterzubringen.

Sollten die Läden über den 8. März hinaus geschlossen bleiben, klagen Sie dann auch?
Wir haben bislang von Klagen abgesehen und versucht, konstruktiv Lösungen zu finden und nicht konfrontativ. Ich bin fast täglich im Gespräch mit Politikern und hoffe, dass Einsicht einkehrt. Aber wir schließen Klagen als letztes Mittel nicht aus. Ich kann jeden Händler verstehen, der klagt.

Appell an Kanzlerin: „Lassen Sie nicht zu, dass Hunderttausende ihre Existenzgrundlage verlieren“

Der Handel ist seit dem 16. Dezember im Lockdown. Warum haben Sie so lange stillgehalten?
Ich sage Ihnen ehrlich: Ich habe nicht mit einem zweiten Lockdown gerechnet und auch nicht damit, dass er so lange dauern wird. Wir sind im Handel alle auf dem falschen Fuß erwischt worden – und dass der Inzidenzwert nun auf 35 festgelegt wurde, war auch nicht denkbar. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass sich die Politik in einem solchen Maße über die Interessen des Handels hinwegsetzt.

Was würden Sie Bundeskanzlerin Angela Merkel gern sagen?
Lassen Sie nicht zu, dass Hunderttausende Menschen ihren Arbeitsplatz und ihre Existenzgrundlage verlieren. Und lassen Sie nicht zu, dass die deutschen Innenstädte veröden. Niemand will Geisterstädte wie in den USA, da geht ein Stück gewachsene Kultur verloren.

Ist die Politik überfordert?
Die Politik hat entschieden, dass mehrere Branchen, neben dem Handel auch die Gastronomie und die Hotellerie, ein Sonderopfer für die Wirtschaft und die Gesellschaft bringen müssen. Dabei sind die, genauso wie die Industrie, wichtig für die deutsche Wirtschaft. Und dann hat man, zumindest im Handel, die Unternehmen nicht einmal entsprechend entschädigt. Deshalb gibt es in unserer Branche dieses krasse Missverhältnis zwischen Umsatzeinbruch und staatlicher Unterstützung.

Thalia-Chef Michael Busch hat jüngst mit Blick auf die Situation der Händler im Lockdown gesagt: „Wer jetzt noch lebt, der wackelt.“ Wackelt Deichmann? Brauchen Sie Hilfe der staatlichen KfW-Bank?
Nein. Wir sind ein sehr gesundes Unternehmen, wir haben in der Vergangenheit immer solide gewirtschaftet und schütten nie Geld zu privaten Zwecken aus. Die Gewinne werden thesauriert und bleiben im Unternehmen. Aber auch für uns gilt: Reserven sind irgendwo endlich.

Wirkt sich das auf Ihre geplanten Investitionen aus?
Das könnte passieren. Wir planen in den nächsten drei Jahren zwei große Logistiklager mit jeweils rund 100 Millionen Investitionssumme. Je nach Länge des Lockdowns müssen wir wohl Abstriche machen.

Wie steht es um Ihre Liquidität?
Die hat sich natürlich deutlich verschlechtert. Und wir gehen nicht davon aus, dass sich die Situation in diesem Jahr verbessert. Der Kunde kauft seine Winterstiefel ja nicht im Juni.

Sie wollten im vergangenen Jahr auch mit Ihren Vermietern wegen Mietstundungen verhandeln. Wie ist das ausgegangen?
Es gab eine Empfehlung der Verbände beider Seiten, also von Mietern und Vermietern, dass die Händler nur die Hälfte der Miete während des Lockdowns zahlen müssen. Das ist ein guter Richtwert, an dem sich zum Beispiel der Shoppingcenter-Betreiber ECE orientiert. Das tun aber längst nicht alle.

Mietzahlungen im Lockdown: „Wir müssen mit 1400 Vermietern verhandeln“

Hätten Sie sich von der Politik mehr gewünscht?
Ja, da hätte ein klarer juristischer Rahmen geholfen, den es in anderen europäischen Ländern auch gibt. Jetzt ist es uns überlassen, mit jedem einzelnen Vermieter eine Lösung zu finden. Das ist natürlich wahnsinnig aufwendig: Wir müssen mit rund 1400 Vermietern verhandeln.

Die Friseure dürfen am Montag wieder öffnen, der Handel möglicherweise eine Woche später. Veranstaltungen dagegen werden noch länger verboten bleiben. Wie schauen Sie als christlicher Unternehmer auf diese Ungerechtigkeit?
Als Christ sage ich: Es ist gut und richtig, dass wir alles für den Schutz des Lebens tun. Deswegen habe ich die Maßnahmen der Bundesregierung von Anfang an unterstützt. Aber sie hat im Verlauf der Krisenbekämpfung versäumt, frühzeitig alternative Öffnungsperspektiven für alle Branchen zu schaffen. Und die Kritik wird immer lauter, dass der Lockdown nicht die einzige Lösung sein kann. Das gilt für Unternehmer, Wissenschaftler und die gesamte Bevölkerung. Aber wenn man sich die Stimmen der letzten Tage anhört, dann erkennt man schon, dass die Politik begriffen hat, dass wir noch etwas länger mit diesem Virus leben werden und vernünftige Konzepte brauchen.

Heinrich Deichmann ist Vorsitzender des Verwaltungsrats der Deichmann SE und der geschäftsführenden Direktoren, zu denen seit Sommer 2020 auch sein Sohn Samuel zählt. Der 58-Jährige hat sich schon früh für mehr als nur Betriebswirtschaft interessiert und neben dem BWL-Studium in Köln auch Geschichte, Philosophie und Theologie in Bonn studiert. Seit 1989 ist der Vater zweier erwachsener Kinder geschäftsführender Gesellschafter, seit 1999 steht er an der Spitze des Unternehmens.

1913 wurde Deichmann vom Großvater Heinrich Deichmanns gegründet. Sein Vater Heinz-Horst machte daraus den internationalen Familienkonzern. Das soziale Engagement ist fest mit dem unternehmerischen verknüpft. 2019 setzte Deichmann 6,4 Milliarden Euro um. 2020 sei der Umsatz um 20 Prozent in Deutschland eingebrochen. Insgesamt beschäftigt das Unternehmen 42.000 Mitarbeiter in 30 Ländern und betreibt 4200 Filialen. Hierzulande sind es rund 16.000 Mitarbeiter.

Nach dem ersten Lockdown war Ihr Geschäft um 96 Prozent eingebrochen. Dann kam der Sommer, aber das Weihnachtsgeschäft fehlt in Ihrer Bilanz für 2020, wie war das Jahr für Deichmann?
Wir haben 2020 in Deutschland rund 20 Prozent Umsatz verloren, wir haben jedoch weltweit keinen Mitarbeiter Corona-bedingt entlassen und gehen davon aus, dass es auch nicht passieren wird. Der überwiegende Teil unserer Mitarbeiter ist aber noch immer in Kurzarbeit.

Wie hat sich der Onlinehandel bei Deichmann im vergangenen Jahr entwickelt?
Wir haben schon eine deutliche Steigerung im E-Commerce gesehen. Damit konnten wir aber unsere stationären Umsatzverluste bei Weitem nicht kompensieren.

Laut Handelsdaten erwirtschafteten Sie in Deutschland gerade einmal rund 76 Millionen Euro über den Onlinehandel, damit standen Sie auf Platz 95 der E-Commerce-Händler. Wo liegt der Fehler?
Die Zahlen liegen glücklicherweise mittlerweile höher. Unsere Kunden haben aber nach wie vor eine große Vorliebe für unsere Läden. Die Online-Affinität unserer Kunden ist etwas niedriger als im Bundesdurchschnitt. Wir sind mit unseren Läden flächendeckend vertreten, wer auf der grünen Wiese seine Lebensmittel kauft, hält dort an und kauft dort auch bei Deichmann Schuhe.

Herr Deichmann, vielen Dank für das Interview.