/Galeristin Anahita Sadighi über Frauen in der Kunstbranche: “Ich werde immer wieder gefragt, wo denn der Chef sei” | Vogue Germany

Galeristin Anahita Sadighi über Frauen in der Kunstbranche: “Ich werde immer wieder gefragt, wo denn der Chef sei” | Vogue Germany

Wie wird Ihnen als junge Geschäftsfrau und Woman of Color in der eigenen Branche begegnet?

Ich selbst empfinde mein besonderes Profil als Vorteil, merke aber, dass man in vielen Strukturen außen vor bleibt und manchmal sogar ausgegrenzt wird. Die notwendige Sichtbarkeit und Relevanz ist einfach nicht gegeben. Ich wünsche mir, dass es in Zukunft keine Besonderheit mehr sein wird, weiblich oder nicht weiß zu sein. Erst wenn mehr Schlüsselpositionen entsprechend divers besetzt sind, wird sich etwas an der Wahrnehmung und der tatsächlichen Akzeptanz verändern. Ich denke, dass ich derzeit mit meinem ungewöhnlichen Profil ein etwas anderes Publikum als andere Galeristen anspreche. Ich freue mich, wenn ich so zum Beispiel auch einer neuen Generation den Zugang zur Kunst erleichtern kann.

Ich [werde] immer wieder in meinen Galerien danach gefragt werde, wo denn der Chef sei. 

Laut Ihrer Erfahrung: Was sind Momente oder Kompetenzen in Ihrem Berufsleben, mit denen Frauen oft stärker hadern als Männer?

Ich denke, dass Frauen in meinem Beruf Männern in nichts nachstehen, aber eingefahrene Strukturen und Machtverhältnisse dazu führen, dass Männern eine größere Autorität zugesprochen wird. Sich gegen solche Stigmata durchzusetzen ist für Galeristinnen keine leichte Aufgabe. Es passiert zum Beispiel, dass ich immer wieder in meinen Galerien danach gefragt werde, wo denn der Chef sei. Es wird einfach ein älterer, weißer Mann erwartet und gar nicht in Betracht gezogen, dass der Chef mit meiner Person bereits vor einem steht.

Die Kunst- und Kulturbranche hat unter den Corona-Einschränkungen im letzten Jahr besonders schwer gelitten. Wie haben Sie die Pandemie in Ihrem beruflichen Umfeld erlebt?

Galerien sind Orte der Begegnungen. Als diese Begegnungen im letzten Jahr coronabedingt ausbleiben mussten, hat man gemerkt, wie die Räume und damit auch die Kunst ein Stück weit Lebendigkeit eingebüßt haben. Eine Ausstellung entfaltet erst gemeinsam mit den Besucher:innen eine gewisse Aura. Das hat diese Zeit zu einer großen Herausforderung gemacht, nicht nur für Galerist:innen, sondern auch für viele Künstler:innen.

Ich würde mir mehr Miteinander wünschen, weil man dadurch so viele Synergien nutzen und sich gegenseitig bereichern könnte, gerade unter Frauen.

Was war zuletzt ein Moment, der Sie in Ihrem Berufsleben fassungslos gemacht hat?

Die mangelnde Anteilnahme und Motivation, sich gegenseitig zu unterstützen. Besonders in einer Krise wie der Pandemie merkt man, dass hier jede:r für sich kämpft und es wenig Miteinander gibt. Ich habe im schwierigen letzten Jahr gemeinsam mit Eva Morawietz, Katharina Maria Raab und Anne Schwarz das “STUDIO 4 BERLIN” eröffnet. Das war ein mutiger Schritt. Es ist ungewöhnlich, dass sich mehrere Galeristen zusammenschließen und eine neue Plattform gründen, und wenn es dann auch noch GaleristINNEN sind, wird das eher kritisch beäugt. Das finde ich schade. Ich würde mir mehr Miteinander wünschen, weil man dadurch so viele Synergien nutzen und sich gegenseitig bereichern könnte, gerade unter Frauen.

Was war zuletzt eine Begegnung, die Sie motiviert hat?

Meine Zusammenarbeit mit der Künstlerin Stella Meris ist ein solch inspirierendes Miteinander, das mich kürzlich begeistert hat. Es ist nicht immer unbedingt so harmonisch und konstruktiv zwischen Galerist:in und Künstler:in wie in diesem Fall. Das hat ganz viel mit gegenseitigem Vertrauen zu tun und ist sehr motivierend, wenn man so erfolgreich Projekte miteinander verwirklichen und gemeinsam neue Wege innerhalb der Kunstwelt beschreiten kann. Wir arbeiten derzeit an einem innovativen Projekt, das dem kunstinteressierten Publikum ganz neue Erfahrungsmöglichkeiten bieten wird – mehr wird noch nicht verraten.