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Gas-Chaos: Deutschland füllt Polens Gasspeicher, anstatt die eigenen

Die Befüllung der deutschen Gasspeicher kommt nur schleppend voran. Mit großem Erstaunen muss nun sogar festgestellt werden, dass trotz der angeblichen Notlage große Mengen an Gas in polnische Gasspeicher fließen.


„Gas ist von nun an ein knappes Gut“ – so lauteten die Worte von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck, als er am 23. Juni dieses Jahres die Alarmstufe des Notfallplans Gas ausrief. Das ist die zweite von drei Stufen des Notfallplans.

Die Bundesnetzagentur warnt bereits vor einem „Gasnotstand“ im kommenden Winter. Das treibt letztendlich die Gaspreise für die deutschen Verbraucher hierzulande stark in die Höhe. Ebenso fördert es die Sorge der Versorgungssicherheit im kommenden Winter. Manche Städte und Landkreise bereiten sich schon auf das Schlimmste vor.

Laut entsprechendem Gesetz sollen die deutschen Gasspeicher bis zum 1. Oktober zu 80 Prozent und bis zum 1. November zu 90 Prozent gefüllt sein. Allerdings verwundert die Tatsache, dass Deutschland eher die Gasspeicher im Ausland, speziell in Polen, befüllt hat. Denn Deutschland beliefert sein Nachbarland mit großen Mengen an Gas.

Die Pipelines

Nord Stream 1 ist derzeit aufgrund von Wartungsarbeiten blockiert. Allerdings ist diese Zuleitung nicht die einzige, über die Deutschland Gas aus Russland erhalten könnte. So gibt es etwa noch die Pipelines „Sojus“, „Bruderschaft“ und „Jamal“.

Letztere verläuft etwa auf der Höhe von Berlin über Polen nach Deutschland. Diese beidseitig laufende Pipeline ist gefüllt. Nur bedient sich Deutschland aufgrund seiner Sanktionspolitik sehr eingeschränkt davon. Erstaunlicherweise verläuft der Gasfluss in dieser Pipeline sogar hauptsächlich Richtung Osten.

Karte der wichtigsten bestehenden und geplanten russischen Erdgas-Pipelines nach Europa.Foto: Samuel Bailey (cc by 3.0)

Deutschland beliefert Polen mit Gas

Polen hat in den vergangenen Wochen seine Gasspeicher weiter gefüllt. Diese sind mit Stand vom 16. Juli zu 97,88 Prozent voll. In Deutschland hingegen nur zu 64,64 Prozent, so der Speicherstand am Samstag. Polen hat diesen hohen Wert nicht zuletzt deswegen erreicht, weil Deutschland regelmäßig Gas an Polen geliefert hat.

Ein Hauptgrund: Seit Ende April beliefert Russland Polen nicht mehr mit Erdgas. Der Brennstoff wird derzeit primär über den Umweg vom deutschen Markt abgekauft.

Das Klimaministerium antwortete auf Fragen von „Reuters“ zum Thema Gasrationierung und Notfallplänen. „Wir erwägen nicht, das Verfahren der Gasrationierung einzuleiten. Das Ministerium wurde von deutscher Seite nicht über Beschränkungen des Gasflusses nach Polen über den Mallnow-Verbindungspunkt informiert.“

Während im ersten Halbjahr 2021 über Jamal (fast) jeden Tag Gas nach Deutschland strömte, war dies 2022 die Ausnahme. Das ergibt sich aus den Daten des Energiedienstleisters Gascade, der die Übergabestation im brandenburgischen Mallnow betreibt.

Die bis Ende Juni registrierte Menge entspricht kaum der Importmenge einer Woche des Vorjahres. In der überwiegenden Zeit floss Gas nach Osten in Richtung Polen. So konnte unser Nachbarland seine Speicher in den vergangenen Wochen konstant auffüllen. Zuvor wurde dieses Gas über die Nord-Stream-1-Pipeline von Deutschland importiert und sollte eigentlich schnell die heimischen Speicher füllen.

Deutsche Speicherfüllung stagniert

Interessant ist auch die Tatsache, dass seit ein paar Tagen die Speicher nicht weiter befüllt werden. Die Gasspeicher werden momentan sogar leicht angezapft. Der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, teilte dazu auf Twitter eine entsprechende Grafik.

Zum ersten Mal seit Anfang April wurde in 🇩🇪 saldiert mehr #Gas aus- als eingespeichert. Der #Speicherfüllstand beträgt 64,5% (-0,09%, Stand: 12.7.22). Ohne die von der Bundesregierung bereit gestellten Finanzmittel für die Einspeicherung im Rehden & Wolfersberg lägen sie tiefer. pic.twitter.com/v8Jilf3qcy

— Klaus Müller (@Klaus_Mueller) July 14, 2022

„Es wird jetzt wieder ausgespeichert – allerdings nur in geringem Umfang“, sagte eine Sprecherin der Bundesnetzagentur laut einem Bericht. Angesichts der reduzierten Lieferungen aus Russland bedienten sich die Gasversorger anderweitig. Sie kauften entweder woanders auf dem Markt ein oder griffen auf die Gasspeicher zurück. Das sei auch eine Frage des Preises.