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Kiosk-Sterben: „Seit Lakritze 7 Cent kostet, bricht mein Umsatz weg“ – News Inland – Bild.de

Sie waren für uns das Fenster zur Welt. Das Schlaraffenland unserer Kindheit. Wenn es Taschengeld gab, überlegten wir lange, ob wir die Groschen am Kiosk lieber in Schnuller und Lakritze investierten – oder doch die Kirschen nahmen, weil man sich die so lustig übers Ohr hängen konnte. Meistens nahmen wir ein paar von jedem.

Später holten wir dort Comics und Fußballbilder, noch später Zeitung und Zigaretten. Die große Welt lag vor uns – obwohl sie in Wahrheit klein war, meinst keine 15 Quadratmeter.

Wenn sich Thomas Althoff an die alten Zeiten erinnert, leuchten seine Augen. Seit 43 Jahren betreibt seine Familie den Kiosk am Walsroder Rathaus (Niedersachsen), geöffnet sieben Tage die Woche. Von 5 Uhr bis 19 Uhr, am Wochenende ab 6 Uhr. Man braucht ja auch mal Freizeit.

Kokos, Nutella oder Pistazien: Wegen dieser  Schnecken sind viele von der Zimt-Rolle.

1991 übernahm der heute 60-Jährige das Geschäft von seinem Vater. Jetzt denkt er ans Aufhören. Die Stadt will den Rathausplatz umbauen und hat ihm den Pachtvertrag gekündigt. Und durch Corona hat er viele frühere Stammkunden verloren. „Viele bleiben seit dem Lockdown weg.“

Die Tante-Emma-Läden sind längst zu. Und langsam sterben auch die Kioske. Erst wenn sie ganz verschwunden sind, werden wir merken, wie hier ein Stück Kultur verloren gegangen ist.


Anschreibezettel: „It“ steht für „den Italiener“, wie Althoff sagt. Der kauft immer Tabak auf Pump
Anschreibezettel: „It“ steht für „den Italiener“, wie Althoff sagt. Der kauft immer Tabak auf PumpFoto: Holger Karkheck

Kioske sind mehr als Nahversorgungsgeschäfte. Sie sind Leuchttürme im Alltag, soziale Schmelztiegel, als demokratische Institutionen fast so wichtig wie unsere Parlamente – und deutlich näher an Volkes Stimme.

„Zu mir kommen alle, vom Penner bis zum Stadtdirektor. Und als der Grindel noch DFB-Chef war, hat er bei mir immer die Zeitungen geholt, in denen über ihn berichtet wurde“, sagt Althoff. Auch Drafi Deutscher († 60) zählte früher zu den Stammkunden – ebenso wie dessen Manager, der das örtliche Bordell betreibt.


Bunte Tüte: Wichtigstes Werkzeug für Althoff ist die Süßigkeiten-Zange
Bunte Tüte: Wichtigstes Werkzeug für Althoff ist die Süßigkeiten-ZangeFoto: Holger Karkheck


Kiosk-Sterben: „Seit Lakritze 7 Cent kostet, bricht mein Umsatz weg“

Foto: BILD

Ach ja, früher. Das Geschäft lief gut. Damals. 5000 Artikel führten die Althoffs, ein Discounter kommt ungefähr auf 2000. Das Sortiment habe sich stark geändert. „Postkarten kauft zum Beispiel kein Mensch mehr.“ Althoff wirkt geknickt. Das hat er mit den vergilbten Ansichtskarten draußen im Drehständer gemein („Lüneburger Heide – im Einklang mit der Natur“).


Früher schrieben ihm Kunden sogar Urlaubsgrüße
Früher schrieben ihm Kunden sogar UrlaubsgrüßeFoto: Holger Karkheck


1998 gewinnt Althoff (r.) den bundesweiten Händler-Wettbewerb von BILD am Sonntag. 1. Pre is: eine Kreuzfahrt für 14.000 Mark
1998 gewinnt Althoff (r.) den bundesweiten Händler-Wettbewerb von BILD am Sonntag. 1. Preis: eine Kreuzfahrt für 14 000 MarkFoto: Holger Karkheck

Auch der Zeitungsverkauf ist rückläufig. „Die jungen Leute machen ja heute alles digital“, grummelt er und kramt sein abgewetztes Tasten-Handy aus der Hosentasche. „Ich nicht.“


„Also ich kann keine Zeitungen digital lesen“, sagt Kiosk-Chef Althoff
„Also ich kann keine Zeitungen digital lesen“, sagt Kiosk-Chef AlthoffFoto: Holger Karkheck

Kundschaft kommt. Ein junger Mann. „Ich hätte gern eine Capri-Sonne.“ Macht 60 Cent Umsatz. Einer Dame ist nach Süßigkeiten. Althoff zählt mit seiner Metallzange 25 saure Monde ab, das Stück zu sieben Cent. „Seit wir den Preis für Lakritze von 5 auf 7 Cent angehoben haben, bricht der Umsatz weg“, sagt Althoff. Mit den Supermarkt-Preisen mithalten kann er nicht.


Sieben Cent kosten saure Cola-Flaschen, Kirschen und Schnuller. Die Lutscher 20 Cent pro Stück
Sieben Cent kosten saure Cola-Flaschen, Kirschen und Schnuller. Die Lutscher 20 Cent pro StückFoto: Holger Karkheck

Den meisten Umsatz macht er mit Zigaretten und Tabak. Aber auch das wird immer weniger. Den meisten Gewinn bringt der Kaffee. „Tasse 1 Euro, Kännchen 1,80 Euro“. Nur draußen, versteht sich, drinnen ist kein Platz.


Beste Einnahmequelle Kaffee: Tasse 1 Euro, Kännchen 1,80 Euro
Beste Einnahmequelle Kaffee: Tasse 1 Euro, Kännchen 1,80 EuroFoto: Holger Karkheck

Althoff ist gelernter Bäcker, war dann vier Jahre bei der Bundeswehr. Der härteste Job ist aber wohl der im Kiosk. Seine Stiefmutter unterstützt ihn, für weiteres Personal reiche es nicht.

An guten Tagen vor Corona kamen 450 Kunden, an schlechten steht er sich auch mal für 78 die Beine in den Bauch (einen Stuhl gibt es nicht). Von den meisten kennt Althoff die Vorlieben, die Dialoge gehen dann, wir sind hier in Norddeutschland, so:

Althoff: „Moin.“

Kunde: „Zweimal.“

Althoff reicht zwei Packungen Zigaretten durchs Fenster, der Kunde zahlt.

Beide: „Tschüss.“

Wer knapp bei Kasse ist, der lässt anschreiben. Althoff führt eine Strichliste. „Versuchen Sie das mal im Supermarkt“, sagt er. Bis Ende 2023 sollten Petra (drei Striche zu 1,39 Euro) und „der Italiener“ (sechs Striche zu je 34,95 und 2 Euro) ihre Schulden beglichen haben. Dann könnte Althoff zum letzten Mal sein Fenster schließen.

Die Welt, die dann untergeht, ist klein. Aber es ist dennoch eine ganze Welt.

Von der Milchbude zum Pils-Stübchen

Sie heißen Kiosk, Büdchen, Trinkhalle oder Späti: Rund 40.000 gibt es noch in Deutschland – ein Rückgang um zehn Prozent seit 2018.


Der Walsroder Rathaus-Kiosk existiert seit 1979
Der Walsroder Rathaus-Kiosk existiert seit 1979Foto: Holger Karkheck

Es gebe ein „allgemeines Kiosksterben“, heißt es in der Kiosk-Studie 2021 von Globis Consulting.

Zu 95 Prozent sind die Kioskbetreiber Einzelkämpfer, meist Familienbetriebe ohne Angestellte. Etwa 70 Prozent werden von Menschen mit Mi-grationshintergrund geführt. Der durchschnittliche Tagesumsatz wurde zuletzt auf etwa 390 Euro geschätzt.

Die Blütezeit der Trinkhallen begann Ende des 19. Jahrhunderts – mit dem Ausschank von Mineralwasser.

Später kamen Milchbuden dazu. Und noch viel später Kioske mit Flachmännern und Bierdosen im Sortiment.